Ein Mal-Sommer in den Bergen

Der Besuch beim „Maler in den Bergen“ war fest vereinbart – seit Monaten. Doch was interessiert das Bergwetter, was sich der Journalist und der Maler ausdenken. Und so fällt der erste Besuchstermin Mitte September hoch oben auf der Alm in Hinterstoder regelrecht ins Wasser.

Wenige Tage vor dem zweiten vereinbarten Termin dann der Anruf von Peter: „Bei uns hat’s 40 Zentimeter geschneit“. Beim Blick auf die Webcam, die die Alm beobachtet, dann die weiße Überraschung. Was tun? An den ersten beiden Tagen kann Peter die Alm nicht verlassen. Doch am dritten Tag kommt dann Almbauer Willi Jansenberger herauf und die Strecke ist mit Allrad und Schneeketten wieder befahrbar.

Wetterkapriolen – sie ziehen sich wie ein roter Faden durch Peters Almsommer. Seine Idee, einen Sommer lang auf der Alm auf 1900 Metern Höhe hoch über Hinterstoder zu malen, ist dennoch gut. Doch der Sommer 2017 war ein durchwachsener. Es fängt schon an als der Transport des neun Tonnen schweren mobilen Atelier-Containers von Gleißenberg im Bayerischen Wald nach Hinterstoder in Oberösterreich und dann hinauf die Alm wegen eines späten Wintereinbruchs um drei Wochen auf den 23. Juni verschoben werden muss.

Seitdem lebt Peter nun auf der Alm – immer wieder auch gemeinsam mit seiner Frau Gabi, die wochenweise herauf kommt. Doch insbesondere der Juli hat es in sich. Ungewöhnlich lange und heftige Gewitter ereilen die beiden auf der Alm, so dass sie sich immer wieder in ihr Auto zurückziehen müssen – schließlich ist der Malcontainer aus Metall und die Gewitter flößen Peter Respekt ein, sagt er.

Unterschiedliche Wetterstimmungen, die hat Peter sich gewünscht. Und die hat er bekommen. Wolkenbehangene dunkle Himmel, über die die Blitze zucken; ein Gewitter in den Wolken unter der Alm und natürlich auch einige herrliche Sommertage. Motive hat er für zwei Jahre gesammelt, so Peter.

Ich kenne Peter nun seit zwei Jahren – als seine Frau Gabi mit ihrer Mannschaft in Gleißenberg die Dt. Meisterschaft im Downhill-Einradfahren ausrichtete. Und als ich nun mit Peters Hilfe über den Schnee herauf komme, erlebe ich endlich einmal, wie seine Bilder entstehen, die freilich nicht viel mit der klassischen Bergmalerei zu tun haben. Almbauer Willi, der sich mit Peter in den Monaten gut angefreundet hat und ihn versorgt, erklärt mir, dass ich ein ganzes Stück weggehen muss von Peters Bildern. Und mit jedem Schritt nach hinten und nach rechts und links verändert sich das Bild.

Eier, eine Schweißerklemme und so genannte Schlagschnüre, wie sie Maurer benutzen um gerade Linien zu ziehen, sind zentral für Peters Malstil. Zunächst rührt er seine Farben mit einer so genannten Eitempera an, mit der die Farben auf der Leinwand gebunden werden. Und wenn seine Eindrücke getrocknet sind, dann kommt der zweite Schritt. In die Schlagschnüre, die in kleinen Dosen aufgerollt sind, füllt er hochwertige farbige Pigmente. Schließlich wird die Schlagschnur am Rande des Bildes mit der Schweißerklemme befestigt. Dann spannt Peter die Schnur über das Bild und schnalzt die Schnur, so dass die Pigmente auf die Ölschicht auf der Leinwand feine Linien hinterlassen. Diese Linien überziehen das ganze Bild und geben diesem den feinen und typischen Charakter.

Reinhard Spieler, Direktor des Sprengelmuseums Hannover und Kurator des Kunstprojektes „Landschaft revisited“: „Peter Lang malt nicht im herkömmlichen Sinne mit dem Pinsel, sondern hat eine eigene Technik entwickelt, bei der er mit Hilfe von in Pigmente getauchten Schlagschnüren Farbpigmente in horizontalen Linien auf die Leinwand bringt. Er bildet nicht im herkömmlichen Sinne Landschaft ab, sondern gestaltet mit dieser ganz eigenen Technik eine Art von Licht- und Farbarchitektur.“

Fleißig war Peter in den Monaten in den Bergen. Mehr als 40 Bilder hat er schon geschaffen. Parallel zum Malen wurden seine Bilder gleich in Hinterstoder ausgestellt, denn Peter ist ja Teil der Aktion „Landschaft revisited“, die moderne Landschaftsmaler hierher nach Oberösterreich bringen soll.

Ein außergewöhnlicher Maler mit einem ebensolchen Mal-Container, der sich hier oben mit seinem gleichmäßigen Licht als perfektes Atelier herausstellt. Noch bis Mitte Oktober will Peter hier bleiben. Wenn der Schnee weg ist, soll der Atelier-Container zurück nach Gleißenberg. Und Peter freut sich nach spannenden Monaten in den Bergen auch wieder auf die Zeit zuhause. In mehreren Ausstellungen wird er die Ergebnisse seiner Mal-Reise nach Hinterstoder vorstellen.

Einige erste Eindrücke von Peters Bildern aus den Bergen.

Meine drei Beiträge über Peter und seinen Malcontainer findet Ihr auf meinem youtube-Kanal:

https://www.youtube.com/playlist?list=PLTSrVK_8vWBp5-zYKuqPjV-7SB8TJfYmH

 

Mit dem Atelier-Container auf Reisen

Vom Bayerischen Wald ins Tote Gebirge

Die abenteuerliche Reise von Künstler Peter Lang und seinem Atelier-Container kann beginnen. Im März haben wir Peter bei seinen Vorbereitungen besucht. Vor uns liegen 24 Stunden, die es in sich haben. Peter will den Sommer über auf einer Alm bei Hinterstoder in Oberösterreich malen. Und dafür muss der neun Tonnen schwere Mal-Container auf 1800 Metern Höhe in das Tote Gebirge transportiert werden.

Der Abend zuvor: Die Vorbereitungen sind nahezu abgeschlossen, noch steht der Container geöffnet vor seinem Atelier in Gleißenberg im Landkreis Cham. Peter Lang ist aufgeregt. Und die Aufregung wird sich wohl erst legen, wenn der Container auf der Alm angekommen und aufgebaut ist. Für Peter heißt es jetzt für einige Monate Abschied nehmen von seinem Atelier und der Familie in Gleißenberg. Wobei sie ihn alle natürlich regelmäßig besuchen werden.

Vor einigen Wochen hat Peter die Einbauschränke im Container mit seinen Mal-Utensilien aufgefüllt, vor allem mit den hochwertigen Pigmenten. Kurz vor der Abreise sind einige Freunde gekommen, um ihn zu verabschieden und ihm beim Verladen zu helfen. Vor allem die Bodenplatten und Traversen für die Anbauten an den Atelier-Container müssen noch rein. Bis auf den letzten Zentimeter ist der Container angefüllt. Und erst gegen 11 Uhr am Abend können Peter, seine Freunde und seine Kinder den Container zuschließen.

 

Nur eine Stunde lang hat er geschlafen, dann geht es am nächsten frühen morgen los. Kurz nach fünf Uhr steht der Tieflader für den Container bereits vor der Tür. Die Verladung ist ein Kinderspiel im Vergleich zu dem, was dem Container an diesem Tag noch bevor steht. Ein großer Kran kommt und hebt den knapp neun Tonnen schweren Atelier-Container auf den Tieflader.

Drei Stunden lang geht es über die Autobahn nach Österreich. Bei der Spedition wird der Container vom großen LKW auf einen kleineren umgeladen. Der soll den Container leichter auf den Berg hinauf bringen. Doch wird er die heftigen Steigungen schaffen und wird der Kran ausreichen, um den Container abzuladen? Zum Glück ist Fahrer Wolfgang Windischbauer ein echter Profi.

In Hinterstoder erwarten Architekt Robert Oberbichler und Bürgermeister Helmut Wallner bereits Peter Lang und seinen Container. Sie wollen ihr Dorf behutsam modernisieren und es auch im Sommer attraktiver für Besucher machen. Peter Lang ist der erste Künstler, der im Sommer in Hinterstoder arbeiten und seine Bilder ausstellen wird. Er ist damit Teil des auf mehrere Jahre angelegten Kunstprojektes „Landschaft revisited“, bei dem Künstler einen neuen und kritischen Blick auf die Natur werfen sollen. Peter scheint dafür mit seinen ungewöhnlichen Landschaftsportraits genau der richtige Künstler zu sein. Mit von der Partie außerdem seine Münchner Galeristin Fenna Wehlau, Almbesitzer Willi Jansenberger und Peter Langs erwachsene Kinder Lorenz, Louise und Gabriel.

Und dann geht es den Berg rauf. Ich darf im LKW von Wolfgang mitfahren. Zunächst geht es noch recht komfortabel eine geteerte Mautstraße entlang. Dann beginnt im Skigebiet von Hinterstoder ein Schotterweg. Wolfgang lädt für diesen Zweck den Container vom Hänger hinten auf den LKW. Der Kran des LKW ächzt unter der großen Last des Containers. Serpentine um Serpentine arbeitet sich das mehr als 20 Tonnen schwere Gefährt den steilen Berg hinauf. Später sagt Wolfgang: Hätte er sich zuvor den Weg angesehen, dann wäre er nicht hinauf gefahren. Doch jetzt ist er unterwegs und er nimmt alle Bodenrinnen und Unebenheiten im steilen Gelände mit hoher Professionalität. Und so landen wir auf der Höss-Alm auf gut 1800 Metern Höhe.

Doch wo soll der Container stehen? Die Interessen der Gemeinde und des Malers sind gegenläufig. Der Bürgermeister wünscht sich einen Standort nahe beim Berggasthof und der Bergstation der Seilbahn. Und Peter wünscht sich einen abgeschiedenen Ort, damit ihm nicht ständig Besucher auf die Finger schauen. Freilich sind ihm die auch willkommen, aber er braucht auch seine Ruhe. Und so finden sie schließlich einen Kompromiss: der Container steht unterhalb eines Sees für die Schneekanonen, neben einer Pumpstation. Die Webcam von Hinterstoder zeigt das Atelier unter freiem Himmel:

http://webtv.feratel.com/webtv/?cam=25060&t=1&design=v3&c0=0&c27=1&c3=0&c5=0&c6=0&c8=0&c11=0&c12=0&c13=0&lg=de&pg=121E2E32-862A-4791-8936-B41853615FB6&s=0

Es ist nach 16 Uhr als Wolfgang den Container ablädt und die Rückreise ins Tal antritt. Und dann geht es dann Aufbau. Unglaublich was alles im Inneren des ehemaligen Seecontainers steckt – ein komplettes Atelier, das unmittelbar vor dem Container aufgebaut wird. Mit Bodenplatte, Dachtraversen und Zeltplanen. Am Ende wird es rund sechs Stunden dauern bis das Container-Atelier zumindest soweit aufgebaut ist, das es sturm- und regensicher ist. Am nächsten Tag gehen die Feinarbeiten freilich noch weiter. Es ist schon dunkel als Peter zufrieden die Arbeit beendet, zu der auch noch seine Tochter Margret und seine Frau Gabi gekommen sind. Während des Aufbaus hat sich schon gezeigt, dass der Ort ideal ist. Denn die häufigen Wetterwechsel und der Blick auf das gegenüberliegende Tote Gebirge ist genau das, was Peter für seine Kunst braucht. In den nächsten Monaten werden wir ihn hier oben sicher wieder besuchen. Denn Peter will bleiben, bis der erste Schnee fällt.

Mein Beitrag aus der Abendschau vom 26. Juni 2017.

Inside Vatican – mit Georg Gänswein

„Wo sie reingekommen sind, da muss auch ein Obama rein“, sagt Erzbischof Georg Gänswein mit einem Augenzwinkern. „Sie sind hier auf ganz historischem Boden. Und wenn die Räume erzählen könnten, die könnten viel Spannendes, nicht immer Schönes aber ganz Menschliches erzählen.“ Wir sind zu Gast in der so genannten Zweiten Loggia des Apostolischen Palastes beim Präfekten des päpstlichen Hauses. Bei Georg Gänswein. Im Herzen des Vatikans. Dort wo Papst Franziskus bei seinen Audienzen seine Gäste empfängt. In zwei Stunden empfängt der Papst hier wieder seine Gäste, doch jetzt nimmt sich Erzbischof Georg Gänswein eine Stunde Zeit für uns.

Charmant und freundlich präsentiert er sich. Schnell lässt unsere Anspannung nach; wir haben es hier mit einem ganz normalen Menschen zu tun, der allerdings eine außergewöhnliche Aufgabe hat. Er gewährt der bild-schön medienproduktion ein Interview für unsere aktuelle Produktion für das FWU Institut für Film und Bild. Für den Schulfilm „Der Papst – das Oberhaupt der katholischen Kirche“. Und um Einblicke in das Leben und Wirken der Päpste zu bekommen, ist Georg Gänswein genau der Richtige. Johannes Paul II., Benedikt und Franziskus sind ihm wohl vertraut. Bis heute ist er Sekretär des emeritierten Papstes Benedikt, lebt mit ihm zusammen in einem früheren Kloster in den Vatikanischen Gärten. Und als Präfekt des päpstlichen Hauses koordiniert er für den amtierenden Papst Franziskus dessen Audienzen.

Der Frühaufsteher

Papst Franziskus, so berichtet Erzbischof Gänswein, ist ein Frühaufsteher. Es ist ja bekannt, dass er die päpstliche Wohnung einen Stock über den Audienzräumen, in denen wir gerade sind, nicht bewohnt. Es sei wohl ein bisschen falsch verstanden worden, als Papst Franziskus sagte, dass ihm das alles zu luxuriös sei, so unser Interviewpartner. Und nein, Franziskus Vorgänger seien keine „luxuriösen Burschen“ gewesen. „Wer Benedikt kennt, wer Johannes Paul II. kennt, der weiß, dass ist völliger Schwachsinn.“ Aber Franziskus sage, ich kann das nicht, ich will das nicht, deshalb lebe er im Gästehaus Santa Maria. Als Jesuit habe er immer in kleinen Räumen gewohnt und er könne schlicht nicht in größeren Räumen wohnen.

Gegen 9.30 Uhr kommt er an normalen Tagen herüber in den Apostolischen Palast, Gänswein holt ihn unten ab, sie fahren in den zweiten Stock und Papst Franziskus empfängt Besucher. Das können enge Mitarbeiter der Kurie sein, Bischöfe irgendwo aus der Welt, alte Bekannte aus Argentinien oder Staatsgäste. Denn der Papst ist Oberhaupt von rund einer Milliarde Katholiken und zugleich Staatsoberhaupt des kleinsten Staates der Welt – des Vatikanstaats. Knapp vier Kilometer geht man und schon ist man um den ganzen Staat mit Petersplatz, Petersdom, Vatikanischen Museen und Gärten herumgelaufen. Für mich bei meinen Romreisen eine kuriose wenn auch nicht gerade malerische Joggingrunde.

Deutscher Friedhof und Vatikanische Gärten

Jeder deutsche Besucher hat die außergewöhnliche Möglichkeit neben Petersplatz, Petersdom, Kuppel und Papstgräbern auch den deutschen Friedhof im Vatikanstaat zu besuchen. Dafür muss man an der linken Kollonadenreihe zur Schweizer Garde gehen und um den Besuch des Deutschen Friedhofes bitten. Nach einer Sicherheitskontrolle wird man eingelassen. Und dieser kleine Friedhof im Vatikan ist einen Besuch wert. Und noch etwas darf man als Besucher nicht verpassen, wenn man tiefere Einblicke in den kleinsten Staat der Erde gewinnen möchte: ein Besuch in den Vatikanischen Gärten. Das ist nur mit Führung möglich, kostet im Paket mit den Vatikanischen Museen rund 30 Euro und ist sehr spannend. Mit einer Führerin bewegt man sich recht frei durch die Gärten, vorbei am Altersruhesitz von Papst Benedikt, Radio Vatikan und unzähligen Brunnen, Gartenanlagen und der nachgebauten Grotte von Lourdes. Man muss diesen Besuch nur unbedingt vorher buchen:

https://biglietteriamusei.vatican.va/musei/tickets/do?action=booking&codiceLivelloVisita=4&step=1

Immer wieder begegnet man in den Vatikanischen Gärten Polizisten. Die Schweizer Garde bewacht seit Jahrhunderten den Papst. Und so begleiten uns auch auf dem Weg zum Interview mit Erzbischof Gänswein Schweizer Gardisten. Spannend ist der Weg durch den Vatikan.

Die Geschichte des Vatikan’ – ein eigenes Kapitel. Georg Gänswein gibt uns eine kurze Einführung. Am heutigen Ort leben die Päpste erst seit einigen Jahrhunderten. Zuvor waren sie am Lateran; die Lateranbasilika ist bis heute der Sitz des Bischofs von Rom – und das ist der Papst. Die Welt hat sich verändert im Lauf der 2000 Jahre der Päpste. Doch ihre zentrale Aufgabe ist geblieben. Der Papst ist Nachfolger Petri, des ersten Apostels und ist damit Zeuge der Auferstehung Christi. Das ist die erste und ursprüngliche Aufgabe des Papstes; weitere vor allem „politische“ Aufgaben sind im Lauf der Jahrhunderte dazu gekommen, so Gänswein. Wir sind am Ende unseres Interviews angelangt: Die Welt ist aus den Fugen geraten, sagen manche. Ist es da für den Papst nicht unglaublich schwierig sein Amt auszufüllen, fragen wir? „Ich bin überzeugt davon“, so Gänswein, „dass es Verwirrung, Schwierigkeiten, politische Unsicherheiten früher nicht weniger gab als heute. Vielleicht ist die Gefahr, dass die Welt sich selber vernichten kann durch die grausamen Atomwaffen so groß wie noch nie. Aber es gab immer Kriege, immer Schwierigkeiten, Personen, die gelitten haben. Und da ist es wichtig, dass der Papst von seinem eigentlichen Dienst, nämlich der Verkündigung des Evangeliums, von der Bezeugung der Auferstehung Christi nicht abweicht. Das gibt den Menschen, denen die glauben, aber auch vielen über die Grenzen der Kirche hinaus Hoffnung und auch inneren Halt.“

Generalaudienz

Am Ende gibt es die traditionellen Geschenke des Vatikans. Einen Rosenkranz und ein Bildchen von Franziskus. Den Rosenkranz sollen wir dann auch zur Generalaudienz mitbringen, denn dort wird er vom Papst gesegnet. Mittwoch, 10 Uhr, Petersplatz oder Audienzhalle, da kann jedermann dem Papst begegnen, wenn dieser gerade in Rom weilt. Wir dürfen im Tross der Kollegen sehr nah ran an den Pontifex. Die eigentliche Audienz ist eine eher schlichte Veranstaltung – der Papst hält eine kurze Andacht und Mitarbeiter der Kurie tragen die Übersetzungen in unterschiedlichen Sprachen vor und begrüßen die Gäste. Spannend ist es am Anfang und am Ende. Denn dann taut Papst Franziskus der “Menschenfischer” richtig auf und geht auf die Menschen zu. Zunächst fährt er mit einem offenen Papamobil durch die Reihen der Pilger, segnet Kinder, nimmt einige auf der Rundfahrt mit und winkt den Menschen zu. Und am Ende der Audienz werden ihm noch einige besondere Besuchergruppen vorgestellt und er schüttelt viele Hände. Ganz am Ende läuft er mit großer Freude vier Reihen von Rollstuhlfahrern ab – jeder wird einzeln und persönlich begrüßt und gesegnet. Da läuft Franziskus zur Höchstform auf, da lebt er auf!

Und man hat auch etwas schlichtes Mitleid mit dem Pontifex, mit dem Oberhaupt von einer Milliarde Katholiken. Nämlich dann, wenn er die vielen zum Teil sehr grusligen Geschenke entgegen nehmen muss. In diesen Augenblicken wird es absurd. Denn wer sich nur ein wenig mit diesem Mann beschäftigt hat, der weiß, dass er ein sehr einfaches Leben bevorzugt. Und was will er da mit Wandtellern, bronzenen Statuen und Nippes, den er allein an diesem Mittwoch geschenkt bekommt…

 

Auf den Spuren von Luther in Rom

Ein sonniger Sonntag in Rom im April – wir starten zu einer evangelischen Runde in der katholischen Stadt. Im Zentrum der katholischen Weltkirche, wo die Päpste Luther einst verbannten und ihn zwingen wollten zu widerrufen, suchen wir die Spuren von Martin Luther. 500 Jahre nach dem Beginn der Reformation und 200 Jahre nach dem ersten evangelischen Gottesdienst in Rom.

Christuskirche

Wir starten an der Piazza Barberini, vorbei an der amerikanischen Botschaft in die Via Toscana 7 in die einzige evangelische Kirche von Rom, die Christuskirche. Sonntagsgottesdienst um 10. Neben den Gemeindemitgliedern sind dieses Mal auch eine bayerische Reisegruppe und der ehemalige Landesbischof Johannes Friedrich mit seiner Frau gekommen. Die Gemeinde besteht aus rund 500 vorwiegend Deutschen, die in Rom leben, viele nur auf Zeit. Ein ständiger Wandel begleitet die Gemeinde. Und auch Pfarrer Jens-Martin Kruse wird im nächsten Jahr die Gemeinde wieder verlassen, denn die Pfarrstelle wird von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Wechsel besetzt.

Palazzo Caffarelli auf dem Kapitol

In diesem Jahr feiert die Gemeinde auch ihre eigene Geschichte. Vor genau 200 Jahren, zum 300. Jubiläum der Reformation 1817 kam unter den wenigen Evangelischen in Rom der Wunsch auf, in der ewigen Stadt Gottesdienst zu feiern. Im heute noch existierenden Caffè Greco, wo sich die Deutschen trafen, warb man für den Gottesdienst. Gefeiert wurde er allerdings noch im Verborgenen: in der Wohnung des preußischen Gesandten, quasi des Botschafters. Später wurde dann im Palazzo Caffarelli auf dem Kapitol in der Preußischen Gesandtschaft eine eigene Kapelle eingerichtet. Unser Weg führt uns auf den Kapitol-Hügel, einst das Machtzentrum Roms und heute der Sitz des Rathauses. Dort steht noch heute der prächtige Palazzo. Von einer Dachterrasse hat man einen tollen Blick über Rom – und direkt darunter lag einst die Kapelle.

Piazza Martin Lutero

Weiter geht’s in Richtung Colosseum, nicht weit entfernt vom Kapitol. In einem Park in Sichtweite des Colosseums gibt es für Evangelische eine kleine aber feine Sensation: einen Platz mit dem Namen Martin Luthers. Der Piazza Martin Lutero ist nicht gerade ein Hot Spot von Rom. Aber es gibt ihn. Durchaus an einer Stelle, wo man als Tourist mal vorbei schauen kann. Ein Brunnen, ein paar Bäume, es gibt schlimmere Ecken in Rom. Und einen kleinen Kiosk mit starkem guten Cappuccino, also kein Grund zur Klage. Die evangelische Gemeinde von Pfarrer Kruse hatte einen Antrag an die Stadt gestellt, einen Platz oder eine Straße nach dem Mann zu benennen, der den römischen Päpsten durchaus viel Kopfzerbrechen bereitet hat und den sie zum Widerruf seiner Thesen zwingen wollten. Die Geschichte ist bekannt; Luther blieb hart, der Papst belegte ihn mit einem Bann, Luther war vogelfrei.

Gewünscht hatte sich die Gemeinde einen Platz, eine Straße oder eine Lutherstiege nahe der Piazza del Popolo, denn dort ist Martin Luther wohl auch tatsächlich gewesen. 1510 oder 1511 war er vermutlich in Rom, als Mönch und Pilger. Damals hatte er Rom als „gotteslästerliches Treiben“ erlebt und sein Besuch war auch ein Ausgangspunkt für seine Thesen.

Der Nicht-Katholische Friedhof

Vom Colosseum geht es mit der U-Bahn weiter zur Station Pyramide. Direkt hinter der steinernen Cestius-Pyramide befindet sich der magischste Ort der Protestanten in Rom – der Friedhof für die Menschen, die nicht katholisch sind. Eine herrliche Oase, mit wundervollen Gräbern. Als im 18. Jahrhundert immer mehr Ausländer nach Rom kamen, die nicht katholisch waren, durften sie nicht auf den katholischen Friedhöfen bestattet werden. Und so wurde 1821 außerhalb der Stadtmauern dieser Ort eingerichtet. Die Gräber, sie erzählen viele Geschichten. So das Grab des britischen Dichters John Keats oder Gräber der Familie von Goethe. Hier kann man gut verweilen und sich von der Stadt erholen.

Schließlich noch ein Besuch auf dem Petersplatz und Petersdom. Er ist der Endpunkt einer Suche auf den Spuren von Martin Luther in Rom. Als Protestant treibt einen hier die Frage um, wie Martin Luther diesen Ort im Lauf der Jahrhunderte „bewegt“ hat bzw. wie viele Schweißperlen er den Päpsten auf die Stirn getrieben hat.

500 Jahre nach der Reformation hat sich auch die Einstellung des Vatikan zu Martin Luther und den Evangelischen stark gewandelt. Mit Johannes Paul II. hat 1983 erstmals ein Papst die evangelische Christuskirche in Rom besucht. Und auch Benedikt und Franziskus waren hier und feierten mit der Gemeinde Gottesdienst. Der EKD-Ratsvorsitzende und Bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm ist schon mehrfach herzlich von Papst Franziskus empfangen worden – die beiden haben einen guten Draht zueinander, sagt man. Und jetzt gab es im Vatikan sogar eine Tagung „Luther – 500 Jahre danach“, bei der es laut dem Kirchenhistoriker Berndt Hamm darum ging Luther „positiv zu würdigen als Vertreter einer Theologie, von der die katholische Kirche auch heute lernen kann.“

Foto oben: Der Facchino-Brunnen in der Via Lata in Rom. Dem Volksmund zufolge stellt die Figur Martin Luther als Wasserträger dar. Deshalb ist ihr Antlitz von zahlreichen Steinwürfen fast bis zur Unkenntlichkeit zerstört.

Ein paar Links zum Thema:

https://www.luther2017.de/de/neuigkeiten/als-moench-zu-fuss-nach-rom-luther-in-der-ewigen-stadt/

http://www.sonntagsblatt.de/artikel/kultur/protestanten-auf-dem-kapitol

https://www.domradio.de/themen/ökumene/2015-09-16/rom-hat-jetzt-einen-martin-luther-platz

https://www.luther2017.de/de/neuigkeiten/als-moench-zu-fuss-nach-rom-luther-in-der-ewigen-stadt/